Interview mit Wolfgang Tischer 3

4. Frage

Ihr eBook »Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen« hatte damals durch einen Artikel im Stern einen richtigen Verkaufsschub bekommen. Wie kam es dazu und wie können andere Autoren dies nutzen?

Antwort

Es war nicht der Stern, sondern SPIEGEL online. Mein Buch war eines der ersten Self-Publishing-Titel überhaupt und damals sogar unter den Top-10 der Amazon-Kindle-Charts. Heute würde das solch ein Sachbuch-Nischentitel sicherlich nicht mehr schaffen. Frank Patalong vom SPIEGEL online hatte damals schon über die Erfolge von Amanda Hocking in den USA berichtet. Dann startete Amazon das KDP-Programm in Deutschland, und Frank Patalong berichtete wiederum als einer der ersten. Sicherlich war es hilfreich, dass ich darüber offen im literaturcafe.de berichtet habe, denn damals gab es noch wenig Infos übers digitale Selbstverlegen.

Auf der andern Seite sieht man aber auch, dass solche prominenten Erwähnungen nur einen kurzen Ausschlag bringen. Man sieht, dass es auch hier keinen Unterschied zwischen Verlagstiteln und Self-Publishing-Titeln gibt. Werbung, Marketing und Presseerwähnungen helfen und schaffen vielleicht einen Peak. Aber langfristig hält sich ein Titel nur dann, wenn ihn die Leser mögen und empfehlen. Und mit am schönsten ist es, wenn ich von erfolgreichen Selbstverlegern höre, dass ihnen mein Buch beim Veröffentlichen sehr geholfen hat.

5. Frage

Sie haben sich jetzt über 17 Jahre mit dem Thema Self-Publishing beschäftigt. Wie schätzen Sie derzeit die Chancen eines Neueinsteigers mit deutschen Produkten ins eBook-Geschäft ein? Hat die BRD gegenüber den USA in Sachen eBook-Akzeptanz aufgeholt  und ist es für Self-Publisher einfacher geworden als früher oder gibt es nach wie vor die gleichen Hindernisse und Fallgruben?

Antwort

Vor 17 Jahren sprach man natürlich noch nicht von Self-Publishing, sondern von Selbstverlegern. Das waren meist Menschen, die Texte schrieben, die niemand lesen wollte und die aus guten Gründen bei den Verlagen keine Chancen hatten. Vor rund drei Jahren habe ich noch gesagt, dass Self-Publishing nur ein coolerer Begriff für »Selbstverleger« sei.

Heute sehe ich das anders. Der Begriff »Self-Publisher« bezeichnet für mich eine Autorin oder einen Autor, für die oder den der Weg ohne Verlag keine Notlösung ist, sondern einer, der ganz bewusst eingeschlagen wird. Diese Autoren wissen ganz genau, was und für wen sie schreiben und der direkte Draht zum Leser ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Außerdem muss gesagt werden, dass immer mehr Verlagsautoren zusätzlich Self-Publisher sind und sich die Grenzen verwischen.

Ich wage mal zu behaupten, wenn ich mich als Neueinsteiger gezielt informiere und einen etwas längeren Genre-Text genau auf die Erwartungen der Leser hin schreiben kann, dann habe ich gute Chancen auf Erfolg, speziell dann, wenn ich die Marketing-Instrumente entsprechend einsetze, wozu in erster Linie Preis- und Verschenkaktionen gehören.

Aussichtslos ist es jedoch für Texte abseits des Mainstream und der Genres. Das ist immer noch die Stärke der Verlage. Ich betone, dass ich mit Mainstream und Genre nicht die Qualität der Texte meine.

Und klar: Die größte Fallgrube wird es immer bleiben, wenn ich nicht von Anfang an die Qualität liefere, die die Leser erwarten. Das betrifft alles: Inhalt, Rechtschreibung, Konvertierung und Cover.

Den Blick in die USA halte ich für wenig hilfreich, denn das ist ein ganz anderer Markt mit einer ganz anderen Lese- und Buchhandelskultur. Und es ist ein Markt, der einfach größer ist, sodass speziell für Nischentitel die Käuferzahl einfach höher ist.

Immer wird mir dann die Frage gestellt, ob es nicht lohnenswert sei, einen Titel ins Englische zu übersetzen, weil man dann ja einen viel größeren Markt bedient. Aber auch hier ist es nicht anders wie mit deutschen Verlagstiteln: sie haben in den USA wenig Erfolg. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel wie zum Beispiel die deutsche Autorin Annelie Wendeberg, die ihren Roman über eine Frau in Männerkleidern, die auf Sherlock Holmes trifft, von vorn herein auf Englisch verfasste und das E-Book als Self-Publisherin gut verkaufte. Nun erscheint der Roman in deutscher Übersetzung – beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Solche Autorenbiografien finde ich spannend, weil sich die Grenzen in vielerlei Hinsicht verwischen.

 

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